HIV und AIDS in den Veröffentlichungen des Robert Koch Instituts

Das Robert Koch Institut (RKI) hat in einer Sonderausgabe seines Epidemiologischen Bulletins über die Entwicklung von HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankungen im Jahr 2007 berichtet.

Erfreulicherweise ist, anders als bisher, dem Text eine erläuternde Anmerkung zur Datenqualität vorangestellt. Jedoch finde ich erneut Merkwürdigkeiten in der Datenaufbereitung.

Dem Bulletin ist, wie auch im Vorjahr, eine Tabelle 6 beigefügt, die Aufschluss über die Anzahl der berichteten AIDS-Fälle nach Bundesländern bzw ausgewählten Großstädten je nach Diagnosejahr korrigiert um den ‘Meldeverzug’ geben soll. Im Bulletin für das Jahr 2006 sieht die Tabelle so aus:

 

Und für das Jahr 2007 wird folgende Tabelle dargestellt:

 

Es fällt auf, das die Hinzuschätzungen (in der Tabelle aus dem Bulletin für 2006) wegen Meldeverzug für das Jahr 2004 zu hoch (770 geschätzte Fälle zu 716 gemeldeten Fälle), für 2005 sogar deutlich zu hoch (762 zu 638 ) und für das Jahr 2006 zu niedrig (540 zu 598 ) waren.

Für das Jahr 2007 schätzt das RKI die Zahl der AIDS-Fälle (Neudiagnosen) nun auf 1100. Die Zahl der AIDS-Fälle insgesamt wird auf 33800 geschätzt. Hier lag die Vorjahresschätzung bei 25532 Fälle, die tatsächlich berichtete Zahl bei 26013.

Ich frage mich, wie kommen solche Schätzungen zustande? Die Fußnote 10 zur Tabelle 6 führt zu nichts. Im Bulletin heißt es: 

Bis zu den Halbjahresberichten des Jahres 2006 wurden in Tabelle 6 für das aktuelle und die beiden vorangegangenen Jahre auf Grundlage des bis her beobachteten Meldeverzugs Abschätzungen der noch zu erwarten den Meldungen vorgenommen. Diese Meldeverzugskorrektur ist jedoch nicht in der Lage, strukturelle Meldedefizite in bestimmten Regionen wie z. B. Süddeutschland abzuschätzen. Daher wird seit dem letzten Halbjahresbericht (1. Halbjahr 2007) für das laufende Jahr sowie kumulativ seit Beginn der Epidemie statt der Meldeverzugskorrektur eine Abschätzung der Gesamtzahl (d. h. berichteter und nicht berichteter) zu erwartender bzw. aufgetretener AIDS-Fälle in den Bundesländern und Großstädten vorgenommen, welche das Ausmaß der strukturellen Meldedefizite deutlicher erkennbar werden lässt. Die Gesamtzahl der 2007 erwarteten AIDS-Fälle wird dabei auf 1.100, die kumulative Gesamtzahl seit Beginn der Epidemie auf 33.800 geschätzt. Sowohl bei der Zahl der berichteten wie auch bei der geschätzten Zahl der AIDS-Fälle ist der Trend leicht fallend.

Aha: Es wird also, anders als bisher und anders als in der Überschrift zu Tabelle 6 angegeben, keine Meldeverzugskorrektur vorgenommen, sondern die Fallzahlen werden geschätzt.

Und auf welcher Grundlage wird hier geschätzt? Nach welchem Verfahren wird hier geschätzt (für 2006 war wenigstens noch angegeben, nach welchem Verfahren die quantitativen Auswirkungen des Meldeverzugs ermittelt wurden)?

Das RKI leistet ohne Frage wichtige Arbeit. Jedoch lässt diese Vorgehensweise vermuten, dass irgend jemandem die Entwicklung der Anzahl der tatsächlich berichteten AIDS-Fälle nicht in den Kram passt. Der erhebliche Unterschied zwischen tatsächlich in den Vorjahren berichteten Fällen, den bisherigen Meldeverzugsschätzungen und der jetzt vorgenommen Schätzung hätte jedenfalls ein paar erklärende Worte verdient.

Im Bulletin für das erste Halbjahr 2007 war übrigens noch folgender weiterer Satz enthalten:

Die für die letzten zehn Jahre geschätzten Zahlen von AIDS-Fällen liegen dabei durchweg deutlich über der Zahl der an das RKI berichteten Fälle.

 
 

 

 

 

Eine Antwort hinterlassen