Stippvisite in Warschau
Noch vor ein paar Monaten hätte ich nicht im Traum daran gedacht, Polen zu bereisen. Jedoch: Um den letzten Jahreswechsel herum haben mein Freund und ich zwei nette Jungs aus Warschau kennen gelernt, Gayromeo hat’s möglich gemacht. Bald haben wir beschlossen, uns gegenseitig zu besuchen. Also haben wir uns vor gut zwei Wochen für ein ‘verlängertes Wochenende’ auf den Weg nach Warschau gemacht. Ich gebe zu, dass ich zunächst ein ganze Reihe von Vorbehalten und Vorurteilen beiseite legen musste.
Es war ein sehr ungewönlicher Kurzurlaub.
Warschau ist eine Stadt mit zerrissenem Stadtbild. Da ist die Altstadt
mit ihren schönen, in den Nachkriegsjahren nach historischem Vorbild wieder errichteten Gebäuden. In den letzten Jahren ist in dieses Viertel viel Geld zur Auffrischung der Bausubstanz geflossen.
Außerhalb dieses ‘historischen’ Stadtbereichs, der allerdings auch als Touristenfalle fungiert, ist die Bebauung uneinheitlich. Es gibt die furchtbaren Bausünden der sechziger und siebziger Jahre, die ich hier nicht dokumentieren möchte, bis hin zu ’schnucken’ Einfamilienhaussiedlungen und Wohnanlagen mit komfortablen und modernen Eigentumswohnungn, die in den letzen Jahren für den nicht armen Teil der Bevölkerung entstanden sind. Typische Großstadtbebauung, wie diese Regenbogenhaus, durchsetzt das gesamte Stadtbild.
Das zentrale Gebäude der Hauptstadt, und gleichzeitig höchstes Gebäude in Polen, ist der von 1953 bis 1956 errichtete Kulturpalast.
Diese Gebäude, angeblich ein Geschenk Stalins, birgt unter anderem mehrere Kinos. In einem der Kinos haben wir zusammen mit unseren polnischen Freunden ‘Der blaue Engel’ (1930) gesehen. In deutscher Sprache mit polnischen Untertiteln. Diese Kino zeigt regelmäßig Werke aus den ersten Jahrzehnten der Filmgeschichte.
In einem der oberen Stockwerke des Palasts befindet sich eine Aussichtsplattform, auf der sich Tomek und Damian verewigt haben.
Blick auf die Stadt:
In der näheren Umgebung des Palasts hat sich das Finanz- und Geschäftszentrum der Stadt entwickelt. Alle bedeutenden internationalen Banken versuchen sich dort, ein Stück vom polnischen Kuchen abzuschneiden. Alle namhaften zeitgenössischen Architekten dürfen sich austoben, mal mehr, mal weniger geschmackvoll:
Bemerkenswert ist das Gebäude der Universitäts-Bibliothek (leider weiß ich nicht mehr, zu welcher der vielen Warschauer Universitäten die Bibliothek gehört). Das Dach ist begehbar und bietet interessante Ein- und Ausblicke:
Kunst wird in Warschau groß geschrieben. Es gibt viele Museen, die wir weiträumig umgingen, um uns der Kunst im öffentlichen Raum zu nähern:
Die drei Damen, die auf dem nächsten Bild zu sehen sind, stützen das Gebäude des obersten polnischen Gerichtshofes:

Warschau ist auch eine Stadt des Gedenkens: Und zwar des monumentalen Gedenkens:
Auf den zu diesen Denkmälern gehörenden Gedenktafeln ist in der Regel vom ‘Hitlerdeutschland’ oder vom deutschen Nationalsozialismus die Rede. Nicht jedem ist dieser differenzierte Ansatz recht:
Diese Aufnahme habe ich in einer der Warschauer Kathedralkirchen gemacht. Dort hängt ein Foto der zerstörten Kirche und die Bildunterschift nimmt Bezug auf das Hitlerregieme. Irgendjemand hat mit blauem Stift deutlich gemacht, dass er alle Deutschen für die Schrecken des Krieges verantwortlich macht. Diese Schmiererei an sich hat mich nicht erschreckt, wohl aber, dass von den Verantwortlichen der Kathedralkirche es niemand für notwendig hält, die Textänderung zu beseitigen. Über die angebliche Deutschenfeindlichkeit der Polen kann ich nicht viel sagen, da wir, weil mit unseren Freunden englisch sprechend, nicht unbedingt als Deutsche zu erkennen waren. Jedoch ist Warschau keine fremdenfreundliche Stadt. Es gibt zwar die üblichen Souveniershops und vermeindlich traditionelle Gasthäuser etc. Jedoch: Sprich man nicht zumindest ein paar Brocken polnisch, dann ist man in der Stadt aufgeschmissen. Hinweistafeln an Denkmälern oder Sehenswürdigkeiten sind in der Regel nur in polnischer Sprache abgefasst, die Hinweise an Fahrkartenautomaten oder auf Fahrplänen der öffentlichen Verkehsmittel richten nur an des Polnischen mächtige Menschen. Das Personal in Kaufhäusern und Restaurants spricht neben Polnisch allenfalls bruchstückhaftes Englisch.
Überall in der Stadt waren diese Plakate aufgehängt:
Ich hielt das zunächst für eine nette Begrüßung und den freundlichen Hinweis, doch auch die Pride-Parade in Krakau zu besuchen. Schnell wurden ich von unseren Freunden belehrt, dass es genau um das Gegenteil geht. Auf den Plakaten sind ein paar sehr unfreundliche Worte über schwule und lesbische Menschen zu lesen und es wurde zu einer Gegendemonstration zum Kraukauer CSD aufgerufen. (Die Parade in Krakau ist, anders als in den Vorjahren erfolgreich verlaufen. Erfolgreich in dem Sinne, dass die Polizei in diesem Jahr die Paradeteilnehmer vor den Gegendemonstranten geschützt hat. Eine kurzer Filmbeitrag ist hier zu sehen. Wer die bunt gekleideten Menschen in dem Video sind, ist klar. Die Farblosen, die Grauen sind die polnischen Neonazis.) Diese offen zum Aufdruck gebrachte Schwulenfeindlichkeit an fast jeder Straßenkreuzung und auf fast allen Plätzen der Innenstadt zu sehen, machte schon sehr beklommen. Jedoch haben unsere polnischen Freund versichert, dass nur ein kleiner Teil der Warschauer Stadtbevölkerung diesen offenen Schwulenhaß unterstüzt. Ein klares Bild über die Verhältnisse konnte ich mir nicht machen.
In der Stadt waren mehrere Straßen und Plätze gesperrt, weil dort eine Film gedreht wurde:
Und hier noch ein paar weitere ’Impressionen’ aus Warschau:
Es gibt dort mitten in der Stadt eine Palme.
Eine Kneipenkette, die auf den schönen Namen Bierhalle hört. Ätzend.
Dicke Eier (zwar nicht so dick, wie die von dem Bullen in der Wallstreet) gibt’s auch.
Hinter fast jedem Scheibenwischer fanden sich solche Zettelchen:
Ich nehme an, ‘er’ höchstselbst hat die Verteilung im Rahmen der Schwulenbekehrungsmaßnahmen angeordnet:
Das nächste Bild zeigt eine Straßenbahn. Der ÖPNV in Warschau ist eine Katastrophe - völlig veraltert und überlastet.
Überall in der Stadt trifft man auf deutsche (Kunst-)Namen. Alle großen Einhandelsfilialisten sind vertreten. Und ein Müllentsorger aus dem Münsterland auch.
Hier ein typischer Altstadtbewohner
:
Und hier schlägt die Natur das letzte Kapitel, je nach Sichtweise, auf oder zu.
Der Besuch in Warschau war sehr interessesant. Sowohl was die sich anbahnende Freundschaft betrifft, als auch das flüchtige Kennenlernen der Lebensumstände in der polnischen Hauptstadt. Ob sie es schaffen werden? Ich meine, eine Reihe von Anzeichen entdeckt zu haben, die darauf hindeuten, dass die Polen es wohl nicht schaffen werden. Sie werden es nicht schaffen, auf Dauer den Lebensstandard zu halten, der einem Teil von ihnen zur Zeit möglich ist. Sie stehen sich selbst im Weg und erwischen regelmäßig das falsche Packende. Die Stadt ist voller neuer Hochhäuser, ein Kreditinstitut jagt das andere und ein Supermarkt reiht sich an den nächsten. Leider hat man vergessen, ein paar Straßen zu bauen und Gleise zu verlegen. Was dort zu erleben ist, ist eine wirtschaftliche Scheinblüte. Anders als in Spanien oder Irland gibt es dort kein strukturelles Wachstum, sondern nur Wucherungen. Leider ist der gesellschaftliche Fortschritt bisher kaum in Gang gekommen. Daran zeigt sich, wie fragwürdig es war, dieses Land mit der EU zu assoziieren bzw in die EU aufzunehmen, ohne ernsthafte Rechtsanpassungen zu verlangen. Aber das verrostete und verstaubte Festhalten an internen und externen Feindbildern verwundert nicht in einem Land, an dem an jeder Ecke ein Bildchen von JPII hängt. Die Leute dort glauben ernsthaft, Woityla habe die dortige Form des Kommunismus zu Fall gebracht.





























14/05/2008 um 7:18 Uhr nachmittags
ich kann mich an spanien & portugal während des prozesses der eu-beitrittsverhandlungen und kurz danch erinnenr - damals gab es auch dort sehr viel von dem, was wie wildwuchs wirkt (teils ja heute noch, wie der synthetische und völlig überhitze bau-boom jüngst). vielleicht ist mit polen -wie auch anderen ehemaligen rgw-staaten- ein wenig mehr geduld erforderlich
was ich in berlin wahrnehme, ist dass es eine sehr westlich orientierte und durchaus an nachhaltig demokratischen entwicklungen interessierte jugend gibt, die auch (manchmnal mehr als berliner schwule) bereit ist sich zu enaggieren
14/05/2008 um 10:04 Uhr nachmittags
den kulturpalast finde ich persönlich toll, einfach zeitlos
15/05/2008 um 9:33 Uhr nachmittags
@ hephai:
Ja, das Gebäude ist klasse. Schade nur, dass es wegen der zunehmenden und dichter heranrückenden Umfeldbebauung seinen Solitärstatus einbüßt.