HIV in Ägypten
Der Spiegel hat Ulrike Putz nach Ägypten geschickt, damit sie sich ein bisschen umsieht, mit ein paar Leuten spricht und etwas über AIDS und Schwule schreibt.
Ihr Artikel im Spiegel beginnt mit:
Homosexualität ist ein Tabu, Aids-Aufklärung findet nicht statt
Damit hat sie, die Meldungen der letzten Zeit aus Ägypten bestätigen es, wohl recht.
Dann erzählt sie von Marwan, einem 28jährigen Mann mit einer HIV-Infektion.
Dass Marwan vermutlich bisexuell ist und sich bei außerehelichem Sex mit Männern angesteckt hat, sagen die Mitarbeiter der Caritas, Marwan selbst kann es nicht zugeben.
Bisexuell, aha, nicht homosexuell. Könnte er sich nicht bei einer Frau angesteckt haben? Frau Putz berichtet nämlich
vergangene Woche sei eine Freundin [an AIDS] gestorben, mit der er vor fünf Jahren mal geschlafen habe, sagt Marwan.
Auch Marwan’s Frau ist HIV-infiziert. Aber niemand fragt, ob nicht möglicherweise sie Marwan angesteckt hat und nicht umgekehrt. Warum auch, es sind immer die Männer, die die Frauen anstecken:
Alle zwei Wochen treffen sich zwanzig Betroffene aus dem ganzen Land, [...]. Viele sind Frauen, die über ihren Ehepartner infiziert wurden.
Um genau zu sein, es sind die schwulen Männer (!), die die Frauen (!) infizieren. Frau Putz lässt einen Arzt, Sany Kozman, erklären:
Schwule Männer, die heiraten, um den Schein zu wahren, trotzdem weiter homosexuell aktiv sind und das Virus an ihre Frauen und Kinder weitergeben: “Das ist das Problem, das Aids in Ägypten zur großen Gefahr macht”, sagt Sany Kozman.
Dann ist von einer Studie die Rede:
Eine von der Caritas und dem nationalen ägyptischen Programm zur Bekämpfung von HIV/Aids in Auftrag gegebene Studie ergab, dass sich das Virus viel schneller verbreitet hat als angenommen.
267 Angehörige von Hochrisikogruppen - die Mehrheit homosexuelle Männer, aber auch Drogenabhängige und Prostituierte - wurden 2006 von der Caritas Alexandria getestet: 6,2 Prozent waren HIV-positiv. “Wenn das stimmt, dann ist Ägypten kein Land mit niedriger Verbreitung mehr, sondern hat das, was wir eine “konzentrierte Epidemie” nennen”, sagt Kozman.
Rechnen wir doch einmal nach: 6,2 % von 267 sind 16,554. Den oder die 0,554 würde ich gerne einmal kennen lernen. Sorry, Frau Putz, verarschen kann ich mich bei Bedarf selber.
Der Stichprobenumfang dürfte hier auch ungenügend sein, um der Untersuchung Repräsentativität bescheinigen zu können.
Die Probanden für die Studie wurden übrigens so ‘gewonnen’:
Um überhaupt Teilnehmer für die erste Studie zu gewinnen, hat [Kozman] einen schwulen Mitarbeiter mit einem Bündel Geld losgeschickt. Jeder seiner Bekannten, der sich testen ließ, bekam ein paar Pfund. Wer weitere drei Kandidaten brachte, bekam noch mal umgerechnet acht Euro.
Das so eine Studie nur ein fatales Zerrbild der tatsächlichen Verhältnisse zeichnen kann, liegt auf der Hand. Und so hat die ägyptische Regierung gut daran getan, die Studie nicht zu veröffentlichen:
Zwar sei das Gesundheitsministerium einsichtig und willig und habe auch die erste Studie unterstützt. Als sich jedoch herausstellte, dass das Virus vor allem unter Schwulen weit verbreitet ist [Anm TGD: Bei diesem Untersuchungsansatz und dieser -methodik konnte sich nicht anderes 'herausstellen'!], verhinderte das Ministerium die Veröffentlichung der Ergebnisse, sagt Kozman. “Die haben Angst, dass Homosexuelle dann doppelt diskriminiert werden, wegen ihrer sexuellen Neigungen und weil sie als ‘gefährliche, ansteckende Krankheitsträger’ wahrgenommen werden.”
Kozman fordern nun eine neue Studie:
“Was wir brauchen, ist eine weitere Studie und ein Schlachtplan gegen die Krankheit”, sagt Kozman, dessen Zentrum seit über zehn Jahren hauptsächlich vom deutschen Hilfswerk Misereor finanziert wird. “Wir müssen dringend handeln, sonst steuern wir auf eine große Krise zu.”
Wenn allerdings diese neue Studie nur dazu dient, zu beweisen, was ohnehin alle zu wissen glauben, kann man es auch gleich sein lassen.
Und vielleicht sollte man in Ägypten, und vielleicht sollte Frau Putz darüber nachdenken, ob die Bezeichnungen ‘homosexuell’ und ’schwul’ tatsächlich in Zusammenhang mit Männern, die offenbar ausgiebig Sex mit Frauen haben, wirklich passend sind. Die unkritische Berichterstattung von Frau Putz lässt nahe legen, dass auch sie der Ansicht ist, jeder HIV-Infizierte, sei zwangsläufig schwul.
24/04/2008 um 3:53 Uhr nachmittags
schön seziert, die ’studien’-gestaltung
gutes beispiel, wie unseriös manche zahklen zustande kommen, mit denen dann große nachrichten gemacht werden - gerade bei hiv immer wieder gerne …
02/05/2008 um 4:37 Uhr nachmittags
Auch wenn das wieder ins Christen-Bashing ausartet: Man überlege mal welche große Organisation hinter der Caritas steht und wie diese zu dem Themen AIDS und Homosexualität steht…
02/05/2008 um 7:50 Uhr nachmittags
@ MithrasX:
ich stimme dir zu, dass organisationen wie caritas & co eine recht schwierige haltung zu homosexualität und aids haben. andererseits - ohne caritas & co gäbe es in vielen staaten insbes. des subsahara-afrika fast gar keine aidsbekämpfung …
ich denke dies beispiel zeigt u.a auch, dass aidsbekämpfung, die aus den betroffenengruppen heraus entsteht, sicher anders aussähe … dies ist nur wohl in ägypten illusion.
02/05/2008 um 10:35 Uhr nachmittags
@MithrasX:
Du kannst den Islam gleich mit dazu packen. Der letzte Satz in dem Spiegel-Artikel lautet:
“Seit der Diagnose betet er fünfmal am Tag, Sara trägt seitdem das Kopftuch.”