Schwule Gut- und Schlechtmenschen

In Österreich wird mal wieder der ach so spannenden Frage nachgegangen, ob der Kärntner Landeshäuptling Jörg Haider nun schwul ist oder nicht. Mich interessiert weder der Typ, noch mit wem er Sex hat.

Zwei andere Textpassagen in einer Meldung der österreichischen ‘Die Presse.com’ zu diesem Thema regen aber zum Nachdenken an.

Wirklich problematisch ist: Jörg Haider als homosexuell zu outen, um ihm politisch zu schaden, setzt auf Schwulenhass und bedient ihn. Über diese Form der Diskriminierung war weniger oft zu hören.

und

Auf der Hosi-Homepage steht bis heute: „Betrachtet man Outing als politischen Akt gegen versteckte Homosexuelle, die in wichtigen politischen Funktionen anti-homosexuell agieren und handeln, so ist gerade in Haiders Fall ein Outing gerechtfertigt. Für Lesben und Schwule bringt das Outing Haiders allerdings sicherlich nichts Positives. Aber auch Lesben und Schwulen ist die Wahrheit zumutbar. Sie müssen sich damit abfinden, so schmerzlich das auch sein mag, dass Lesben und Schwule nicht automatisch die besseren Menschen sind, dass Homosexuelle nicht nur Gutmenschen, sondern auch Schlechtmenschen sein können.“

Letzteres (von ‘Hosi’ übernommen) ist relativ leicht eingängig. Die schwer fassbare, kaum eindeutig definier- und abgrenzbare Gruppe schwuler und lesbischer Menschen ist nichts anderes als ein Que(e)rschnitt der Gesellschaft. Es gibt reiche und arme, kluge und weniger kluge, nette und fiese, gerechte und ungerechte, fleißige und faule, behinderte und nicht behinderte, sportliche und unsportliche, schöne und hässliche, alte und junge Schwule. Es gibt Schwule in allen Berufen und mit den unterschiedlichsten politischen und religiösen Auffassungen. Und, wenn man/frau mit der schlichten Einteilung zufrieden ist, gibt es halt auch schwule ‘Gutmenschen’ und schwule ‘Schlechtmenschen’.

Dass das so ist, weiß ich, seitdem ich weiß, dass ich schwul bin. Jedenfall habe ich sehr schnell die Erfahrung gemacht, dass schwul nicht gleichbedeutend mit ‘gut’, was auch immer man unter ‘gut’ nun genau verstehen mag, ist. Insofern begrüße ich es, wenn sich auch bei schwulen Menschen so langsam herum spricht, das Schwule außerhalb des ‘Schwulseins’ weder besser noch schlechter als ‘andere’ Menschen sind (obwohl ich den Eindruck nicht los werde, das Schwule die besseren Musiker sind, aber das wird hier mal ein eigenes Thema) und der ‘nette Schwule von Nebenan’ auch nur ein ziemlich dürftiges Klischee ist, dem Mann nicht zwingend genügen muss.

Berührender ist da schon der erste von mir zitierte Absatz. Wenn irgendein ‘Schlechtmensch’ (der Begriff ist ebenso problematisch, wie der des ‘Gutmenschen’; ich übernehme ihn aber in der Annahme, dass der geschätzte Leser/die geschätzte Leserin weiß, wie ich ihn verstanden wissen will) schwul ist, muss ich das hinnehmen und ich kann damit umgehen. Probleme habe ich damit, wenn einem ‘Schlechtmenschen’ unterstellt wird, er sei schwul. Mir geht es gar nicht darum, was das für den betroffenen ‘Schlechtmenschen’ bedeutet. Viel problematischer ist, dass schwule Menschen dann mit diesem ‘Schlechtmenschen’, egal ob dieser nun ein Politiker mit, auch bei großzügiger Betrachtung, außerhalb des akzeptablen politischen Spektrums stehenden Ansichten, ein Kirchenfürst, ein Medienstar oder ein Verbrecher ist. Über die nach wie vor unvermeidliche Gruppenbetrachtung wird immer wieder versucht, schwule Menschen mit den ‘Schlechtmenschen’ zu identifizieren. Der tatsächliche Weg ist natürlich umgekehrt: Es wird dem ‘Schlechtmenschen’ Schwulsein nachgesagt. Die Diskriminierung (der Schwulen) ergibt sich aber daraus, dass damit immanent zum Ausdruck gebracht wird, “der XY (der ‘Schlechtmensch’) ist doch auch einer von Euch”. Und gemeint ist damit, “ihr seit doch alle so, wie der XY”. Es passt mir nicht, dass ich wegen meines Schwulseins den Kopf für fragwürdige Leute hinhalten soll, von denen nicht einmal sicher bekannt ist, dass sie schwul sind.

Dieses auch von den Medien sehr gerne gespielte Spielchen, verspricht doch das tatsächliche oder angebliche Schwulsein des gerade durch die Schlagzeilen gejagdten ‘Schlechtmenschen’ noch ein bisschen mehr Auflage und Einschaltquote, funktioniert auch mit ‘Schlechtmenschengruppen’. Aktuell ist das am Thema ‘Kindesmißbrauch’ zu beobachten. Es ist fast schon üblich, den Tätern zu unterstellen, sie seien schwul. Sehr leicht funktioniert dass, wenn ein Mann einen Jungen mißbraucht hat. Für die oberflächlich recherchierenden Medien, und ihr folgend die breite Öffentlichkeit, ist das dann ganz schnell ein Schwuler, der sich an einem Jungen vergangen hat. Denn wenn zwei Menschen männlichen Geschlechts miteinander Sex haben (egal, ob freiwillig oder nicht), kann das nur etwas mit ’schwul’ zu tun haben. Erstaunlich ist, dass die Medien in diesen Fällen geradezu abgeneigt sind, dass Umfeld und die Lebensumstände des Täters zu beleuchten, denn es könnte ja etwas ans Licht kommen, dass die schöne ‘Täter schwul’-Schlagzeile obsolet werden ließe. Man muss sich schon ziemliche Mühe geben, um Näheres herauszufinden, und meistens warten, bis das zuständige Gericht das Urteil veröffentlicht, um dann festzustellen, dass die Täter nicht selten verheiratet sind, Kinder haben und im Heterosexuellen-Milieu verkehren. Die Ursachen für die konkreten Mißbrauchsvorfälle hängen nicht selten mit gestörten heterosexuellen Beziehungen zusammen. Die Täter mögen bisexuell sein, vielleicht sind sie sogar (unterdrückt) homosexuell. Eins sind sie gewiss in vielen Fällen nicht: schwul. Anders ist es, wenn der Täter ein katholischer Priester ist. Dann brennt mit den Medien (ebenso wie mit Frau Ranke-Heinemann) die Fantasie durch und wir bekommen schonungslos die Beichtstuhl- und Priesterseminar-’wirklichkeit’ präsentiert. Anders ist es auch, wenn dass Etikett ’schwul’ nicht so leicht greifbar ist, weil eben nicht ein Mann einen Jungen zu sexuellen Handlungen genötigt hat, sondern weil ein Mann ein Mädchen mißbraucht hat. Dann sind die Medien nicht selten sehr bemüht, im Privatleben des Täters herum zu schnüffeln, ob sich da nicht doch etwas ‘Schwules’ finden läßt. Zur Not wird irgendetwas herbeigedichtet oder wild gemutmaßt. Manchmal habe ich das Gefühl, die Berichterstattung mancher Medien ist davon geprägt, zu beweisen, dass heterosexuelle Menschen ’so etwas’ nicht tun. Deswegen ist es ihnen wichtig, die Täter als ’schwul’ zu qualifizieren. Ob das den Tatsachen entspricht, spielt selten eine Rolle. Und dann ist in schöner Regelmäßigkeit der ‘der-ist-doch-einer-von-Euch’-Effekt zu beobachten.

Mir ist keine halbwegs seriöse Erhebung bekannt, aus der sich ableiten oder auch nur ansatzweise vermute ließe, das schwule Männer in absoluten oder relativen Zahlen häufiger Täter bei Kindesmißbrauchshandlungen sind, als nicht schwule Männer. (Eine Analyse wird schon daran scheitern, dass die Grundgesamtheit der Mißbrauchshandlungen unbekannt ist.  Allein die Dunkelziffer der Mißbrauchsfälle in scheinbar intakten Familien dürfte immens sein!) Allein die übergroße Betonung des Schwulseins, wenn der Täter denn tatsächlich oder vermeintlich schwul ist, durch die Medien und die einer Endlosschleife gleichende Wiederholung der Mär vom schwulen Kinderschänder durch interessierte Kreise in Politik, Gesellschaft und Kirche haben dafür gesorgt, dass sich in weiten Teilen der Bevölkerung ein ganz schiefes Bild festgesetzt hat. Auch das ist Diskriminierung. Nicht zu leugnen ist, dass es schwule Männer gibt, die sich an kleinen Jungs vergreifen. Wie in anderen Lebensbereichen gibt es auch hier Menschen, Täter, die schwul sind. Daraus die Gleichung zu machen, schwul = Kinderschänder, ist einer der vielen Fehlgriffe unserer Zeit.

4 Antworten zu “Schwule Gut- und Schlechtmenschen”

  1. ondamaris sagt:

    zur argumentationskette am beginn deines artikels: ich denke, die frage wen ich liebe, und mit wem ich sexualität habe, ist für mich nie ein politisches argument. bigotterie, scheinheiligkeit und schlimmere formen ja (deswegen teile ich auch die hosi-beurteilung) - aber jemanden (und sei er ein rechter) allein um des schadens willen als ’schwul’ zu outen ist nicht legitim. ich versteh ja auch nicht, wie man schwul und überzeugter csu-anhänger sein kann … muss (und kann) das aber aushalten …

  2. Magic M. sagt:

    Mich hat auch ein ungutes Gefühl beschlichen, als ich die Berichterstattung über den neulich verurteilten Rumänen wegen des Mißbrauchs und der anschließenden Tötung des 14-jährigen Mädchens verfolgt habe. Analog zu deinen Ausführungen habe ich die Befürchtung, dass dort (was die Berichterstattung angeht) wieder Dinge miteinander in Beziehung gesetzt werden, bzw. Zusammenhänge unterschwellig versucht wird zu konstruieren die so garnichts miteinander zu tun haben. Der Typ (dessen Tat ich selbstverständlich unfaßbar finde und in jeglicher Form verwerflich sowie verurteile) ist möglicherweise überhaupt nicht schwul, da im Rahmen seiner Sozialisation eine definierte sexuelle Ausprägung anscheinend noch nicht stattgefunden hat. Das hat auch in einem Interview, ich meine, ein Psychologe angedeuted, was allerdings wohl von den meisten Zuhörern/Lesern so wahrscheinlich nicht in das Bewußtsein gerückt ist. Somit könnte als Begleiterscheinung ein ungünstiges (möglicherweise noch zu harmlos vormuliert) Schlaglicht auf “den Schwulen” als solches geworfen werden und damit einen vorurteilsfreien Umgang untereinander mit Menschen der unterschiedlichsten sexuellen Orientierung erschweren.

  3. TheGayDissenter sagt:

    Zu dem Mordfall ‘Hannah’ hatte ich mich ja schon mal geäußert.
    (http://thegaydissenter.wordpress.com/2007/10/22/der-staatsanwalt-und-der-homosexuelle/)

    Hinzuzufügen wäre, dass sich die örtliche Presse (ich wohne nicht weit weg vom Ort des Geschehens) bei der Berichterstattung über die Urteilsverkündung und das Urteil in Bezug auf die sexuelle Orientierung des Täters eher zurückgehalten hat. Sie ist jedenfalls nicht so dramatisiert und heraus gestellt worden, wie ich das befürchtet hatte. Allerdings: Die Presse hatte auch genug Stoff für andere Schlagzeilen, denn zu der Zeit schwappte gerade die Welle ständige neuer Kinderleichenfunde über das Land.

    Relativ ausführlich hat die hiesige Presse auch über die Einlassung des Täters über sein sexuelles Empfinden berichtet, nämlich dass er sich schon seit Jahren zu Frauen hingezogen fühlt und sich Sex mit Frauen gewünscht hat und dass er, als es mit seinem ‘Freund’ sexuell nicht mehr lief, nicht etwa bei Männern/Jungs Sex gesucht hat, sondern sich eher auf Frauen fokussierte (allerdings ohne das bis zu dem Tag des Verbrechens in praktische Handlungen umzusetzen). Dem folgend hat der, im übrigen absolut erbärmlich agierende Show-Verteidiger ja auch argumentiert, die wahre Sexualität des Täter habe sich aufgrund des Verlaufs seiner Kindheit und Jugend und der späteren Abhängigkeit von seinem ‘Freund’ nicht entfalten können.

    Das lässt nur den Schluß zu, dass der Täter nicht homosexuell (schwul schon mal gar nicht) ist.

  4. “Zu 10 % Homosexuell” « The Gay Dissenter sagt:

    [...] Prozent heterosexuell’? Warum wird hier das Homosexuelle und nicht das Heterosexuelle betont? Ganz einfach: Die Homosexuellen sind die Bösen, nicht die [...]

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