“Robert-Koch-Institut: HIV-Neuinfektionen sind erneut angestiegen”

… so lautet heute eine Schlagzeile im Kölner Stadtanzeiger. Die Mitteldeutsche Zeitung fragt: “Ist alle Aids-Aufklärung umsonst?”, meint damit aber wohl nicht die Kosten der Aufklärung, sondern den Erfolg derselben, und die Queer.de schreibt, “Schwule infizieren sich häufiger mit HIV”, und leistet damit ebenfall einen Beitrag zur unüberlegten Überschriftenbildung. Zurück gehen diese Meldungen auf den HIV/AIDS-Halbjahresbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 5. Oktober 2007. Gelesen, jedenfalls nicht richtig gelesen, hat von den Schlagzeilenmachern den Bericht wohl niemand, denn dort heißt es:

Betrachtet man die Entwicklung der Zahl der HIV-Neudiagnosen der letzten
Halbjahre ( s. Abb. 1, S. 9) so läßt sich auf Grund der schwankenden Halbjahreszahlen
z. Zt. nicht eindeutig bestimmen, ob die Zahl der neu diagnostizierten
HIV-Infektionen weiter ansteigt oder die Zahlen sich konsolidieren.

Das heißt, der Bericht trägt keine Einzige der vollmundig-dramatischen Schlagzeilen.

Für Baden-Württemberg stellt das RKI einen Rückgang der Neudiagnosen bei MSM fest, kann aber, ganz in vorurteilsbehaftetem Denken verfangen, seinen eigenen Zahlen nicht glauben:

Da zumindest in Baden-Württemberg
und Sachsen gleichzeitig der Anteil der Frauen an den
HIV-Neudiagnosen zurückging, stellt sich die Frage, ob
eventuell ein Teil des in diesen Bundesländern registrierten
Anstiegs bei Heterosexuellen auf unzutreffende Angaben
zum Übertragungsrisiko zurückzuführen ist.

… weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

Und auch an anderer Stelle will das RKI einfach nicht glauben, dass sich auch heterosexuelle Menschen in größerer Zahl mit HIV infizieren können, denn

Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass auf
Grund der starken Stigmatisierung gleichgeschlechtlicher
Sexualkontakte in Zentral- und Osteuropa ein Teil
der auf diesem Weg erworbenen HIV-Infektionen unter
der Kategorie heterosexuelle Kontakte subsummiert wird.

Und wo viele Schwule sind, muss es auch viele Neuinfektionen geben:

Zum Beispiel erscheint die Zahl der aus
Köln und Düsseldorf berichteten Fälle zu niedrig.

…misstraut das Institut erneut den eigenen, wohl nicht ins gewünschte Bild passenden Zahlen.

2 Antworten zu ““Robert-Koch-Institut: HIV-Neuinfektionen sind erneut angestiegen””

  1. Epidemiologisches Bulletin Nr 47 « The Gay Dissenter sagt:

    [...] hat zum Welt-AIDS-Tag ein Epidemiologisches Bulletin heraus gegeben und ich habe, im Gegensatz zu früheren Veröffentlichungen, fast nichts zu beanstanden. Im Gegenteil, das RKI bietet dieses Mal einen erhellenden Überblick [...]

  2. HIV und AIDS in den Veröffentlichungen des Robert Koch Instituts « The Gay Dissenter sagt:

    [...] bisher, dem Text eine erläuternde Anmerkung zur Datenqualität vorangestellt. Jedoch finde ich erneut Merkwürdigkeiten in der [...]

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