Spanner und Political Correctness
Guardian und Daily Mail und berichten in ihren Online-Ausgaben vom 3. Oktober 2007 über ein Ereignis, das in Bristol die Gemüter erregt.
Vier Feuerwehrmänner haben, offenbar nach einem Einsatz auf der Rückfahrt zur Feuerwache an einer örtlichen cruising area halt gemacht, sind ins Gebüsch und haben dann dort Jungs, die offenbar irgendwie beschäftigt waren, mit Taschenlampen angeleuchtet und gestört.
Der Guardian berichtet wohltuend neutral über diese Geschichte, während die Daily Mail sich beeilt, die Feuerwehrmänner in eine Opferrolle [!] zu stecken. Nun richtet sich die Daily Mail eher an ein konservatives, nur eingeschränkt denkfähiges Publikum und findet für ihre tendenziöse Berichterstattung den Beifall ihrer Leser, wie ein Blick in die Kommentare zu dem Artikel zeigt. Homosexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit seien der eigentliche Skandal, empört sich das Publikum. Die Jungs im Gebüsch seien diejenigen, die eigentlich bestraft werden müssten. Es wird gejammert,
If he had illuminated a heterosexual couple having sex in a public place, it would be the couple who were prosecuted and quite rightly.
Es stellt sich allerdings die Frage, warum die Feuerwehrleute sich ausgerechnet einen ortsbekannten Treffpunkt für Gays für ihre Beobachtungstour ausgesucht haben. Eine Frage, die die Daily Mail und ihre Claqueure nicht stellen wollen. Vielmehr wird generell in Abrede gestellt, dass die Aktion irgendetwas mit Schwulenfeindlichkeit zu tun haben könnte und das allseits bekannte Todschlagargument
Just imagine if you were walking your sons and daughters and you came across this. Nice.
taucht natürlich auch auf. Wohlgemerkt: Es war 22.30 Uhr, als sich der Vorfall ereignete.
Wirklich erschreckt hat ich mich allerdings dieser Kommentar von A S aus Essex:
As a gay person myself, what I have read in this article is absolutely ridiculous. The fines imposed on those firemen should be discharged immediately and the four men who engaged in sexual activity in a public place should be prosecuted for outraging public decency!
I make this point to every person who reads this article; please do not think that all gay men act in this way. The vast majority of us are against political correctness and are decent law-abiding people who work hard and pay their taxes, as I believe PC provokes more homophobia and racism.
Der in der Daily Mail Leserschaft wohl vorherrschende Auffassung, dass sich in den Bristol Downs etwas ganz Ekelhaftes zugetragen haben muss, und zwar vor dem Eintreffen der vier Feuerwehrmänner, sich anschließend, verkündet A S: ‚Die große Mehrheit von uns ist gegen PC und wir sind anständige gesetzestreue Leute.’ Es fehlt nur noch, dass er bewaffnete Patrouillen fordert, die abends und nachts die Downs durchstreifen und dort ‚unanständige’ Leute aufgreifen. Moskauer Verhältnisse!
Ich verstehe so eine Haltung nicht. Die Schwulen und Lesben in England haben viel erreicht. Zwar haben sie, wie bei uns auch, immer noch große Teile der Bevölkerung gegen sich, aber sie haben es geschafft, dass die dortigen Gesetze mittlerweile weitgehend frei von Benachteiligungen sind. Und sie haben die ständigen menschenfeindlichen Einmischungen der Kirchen zurück gedrängt. Das ist nicht zuletzt eine Folge der in England gepflegten PC (die, zugegeben, auch einige merkwürdige Blüten treibt und insbesondere glaubensverblendeten Menschen in die Hände spielt). Falsch verstandene PC mag Homophobie und Rassismus fördern, nicht aber, wenn schwulenfeindliche Handlungen, auch und gerade wenn sie aus Langeweile und Gedankenlosigkeit begangen werden, wie wohl im Fall der vier Feuerwehrleute, als solche bezeichnet werden. Was muss dieser A S für ein Biedermann sein? Wie groß muss sein Drang, nicht aufzufallen, für ‚normal’ gehalten zu werden, sein? Wie weit geht seine Gesetzestreue, die er jetzt auch von anderen verlangt, wenn die Gesetze einmal andere sind? Ich finde dieses Heucheln um Anerkennung (der gute, hart arbeitende Steuerzahler) zum kotzen. Leute, wie dieser A S, verraten mit ihrer Anbiederung an rückständige konservative Lebenseinstellungen das, wofür Schwule und Lesben jahrzehntelang gekämpft haben. Wie kann er mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die sich nicht anpassen, die nicht in Deckung gehen, die sich nicht von, wie auch immer motivierten, Feuerwehrleuten einschüchtern lassen? Wie kann er seine Vorstellungen von Gesetzestreue und Moral zum allgemeinen Maßstab erheben? Warum verteidigt er die Feuerwehrleute und stellt nicht auch die Frage, was diese mit ihrem Einsatzfahrzeug am späten Abend in den Bristol Downs zu suchen hatten? Wie kann er für sich in Anspruch nehmen, „against political correctness“ zu sein und gleichzeitig moralische Vorgaben machen? „The four men who engaged in sexual activity in a public place should be prosecuted for outraging public decency!” Ich kann es nicht fassen!
BTW: Outdoor-Sex ist in England seit dem 1. Mai 2004 nur noch unter bestimmten Voraussetzungen strafbar.